Carspotter? Peinlich…

Blöde Englischzismen, blöde! Autospechtler muss das heißen. Aber was ist das, wie geht das und warum macht man das? Schenkt einem alten Hasen euer Gehör…

Wer Carspotting googelt, wird in die Irre geführt. Wird es dort doch als das Hobby, besonders teure, schnelle oder hochkarätige Sportwagen zu fotografieren, erklärt. Und das mag auch auf so manchen Spotter, auch Spechtler genannt, zutreffen. Dann kommen solche Fotos raus:

Ich marschiere jetzt seit 2007 mit Kamera oder Handy am Anschlag durch die Weltgeschichte, um spannende Autos er erwischen. Aber um solche klassischen Carspotter-Sichtungen wie oben ging und geht es mir nicht. Denn die schillernden Persönlichkeiten mit ihren Ego-Verlängerungen bekommen eh schon genug Aufmerksamkeit. Da muss man ihnen nicht auch noch die Bühne bieten, die sie gerne hätten.

Mir macht es Spaß, in Städten durch Straßen und Gassen zu wandern und die geparkten Autoreihen mit einem Blick nach speziellen, seltenen oder in Würde ergrauten Alltagshelden zu scannen. Ist eine Dachlinie in der Reihe uniformer Alltagsgurken kantiger als die anderen? Dann hat sich die Marschroute soeben geändert – das könnte was sein. Und dann sind das halt meistens keine Lamborghinis oder Ferraris, sondern sowas hier:

Was aber macht die Faszination des Autospechtelns aus? Es dürfte etwas mit dem evolutionär bedingten Jagdinstinkt zu tun haben. Denn sich vor dem Casino in Monaco oder am Besucherparkplatz des Ventilspiels auf die Lauer zu legen, ist was für Anfänger und Luschis. Viel aufregender ist es, die Kleinode im alltäglichen Getümmel zu entdecken. Das Glück zu haben, zur richtigen Zeit durch die richtige Gasse zu gehen, wo Opas Liebling eine halbe Stunde in diesem Monat außerhalb der heimischen Garage zu sehen ist.

Hat man Glück, schießt man ein Foto fürs Privatarchiv und freut sich. Hat man Pech, macht´s auch nichts, weil man eh nicht weiß, was man vielleicht gerade ganz knapp versäumt hat. Aber so problemlos geht das oft gar nicht über die Bühne. Man sollte sich beim Fotografieren fremder Autos nicht unbedingt erwischen lassen. Das nette Gespräch mit dem Besitzer, der sich über das Interesse an seinem Schätzchen freut, ist leider die Ausnahme.

Die meisten Passanten scheinen zu glauben, man gehöre einer Diebesbande an und fotografiere die Kiste, die man „abholen“ kommt, sobald es finster ist. So mancher dachte auch schon, man wolle ihn wegen seiner Parkkünste anzeigen. Unauffälligkeit ist also Trumpf. Das dürfte ich ganz gut beherrschen, denn in den letzten 15 Jahren wurde ich nur einmal mit der Verhaftung durch die Polizei bedroht – auf dem Angestellten-Parkplatz eines Hotels auf Zypern. Dass dort in der Woche davor 3 Autos gestohlen wurden, konnte ich ja nicht wissen…

Und wo macht man sowas wie Autospechteln am Besten? Ich hab in Graz damit begonnen. Das war nicht übel. Doch nach meinem Umzug nach Wien wurde mir klar, dass sich dort deutlich mehr abspielt. Im Großraum Wien sind mehr Liebhaber spezieller Autos zu Hause. Im Großraum Wien werden Autos aufgrund der salzärmeren Wintermonate älter. Und in der Stadt Wien kommt es für mehr Leute nicht so darauf an, dass ein Auto vernünftig sein und jeden Tag funktionieren muss wie in ländlichen Regionen. All das trägt zu solchen Straßenszenen bei:

Mittlerweile, weit weg von Wien und zeitlich noch viel weiter weg von den Baujahren meiner automobilen Favoriten, ist die Schlagzahl der Sichtungen stark zurückgegangen. Kleinstädte und ländliche Regionen geben nicht viel her und die Kisten der 80er Jahre sind mittlerweile mindestens 32 Jahre alt. Da lichten sich die Reihen zügig. Und so bleibt die Erinnerung an ein deutlich abwechslungsreicheres Straßenbild und die Dankbarkeit, es erlebt zu haben. Dank der Fotos bleiben die Erinnerungen wach. Und so steckt im Autospechteln deutlich mehr drin als im simplen Carspotting.

Veröffentlicht von Lukas

Mit Herz und Hirn - immer hinterm Lenkrad und am Puls der Straße.

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