Der räudige Straßenköter

„Mir ist da etwas zugelaufen. Darf ich ihn behalten?“ Das Problem dabei – Eigentlich war er gar nicht dafür gedacht, dass er bleibt. Aber für ein Schlachtfest braucht es doch mehr Überwindung, als gedacht.

Vor einigen Tagen ist er bei mir im Garten gelandet. Ein räudiger Straßenköter. Nach 20 Jahren, erst als Familienauto und später als Baustellen-Gurke, war Schluss mit Pickerl und Straßenverkehr. Ganze 14 Jahre stand er als Fremdkörper in letzter Reihe im Innenhof einer Schrauberbude, die eigentlich primär Benze macht. Und jetzt eben hier. Voller Moos, mit Aquarium im rechten Scheinwerfer und zahlreichen Rost-Narben an den typischen Stellen. Aber er war billig und eigentlich sollte er als Schlachtwagen in Teilen in meinen Dachboden wandern.

Ja, ihr habt schon recht. Nach der letzten Aktion bin ich mit Blechteilen versorgt. Der Blaue hat aber einige Vorzüge. Die Innenraumfarbe ist ident mit meinem silbernen 85er Prairie, die Motorhaube ist besser als die vom Braunen und ein paar Kleinteile in Blau werden schon noch dran sein, die ich gebrauchen kann. Also so schnell es geht zerlegen, die guten Teile einlagern und der Rest wird vom Schrotthändler abgeholt. Guter Plan. Ein Freund braucht die Mittelkonsole, die baue ich ihm schon mal aus. Doch so einfach ist das nicht. Der Innenraum ist so dreckig, stinkt und ein paar Schimmelflecken gibts am Teppich auch. Nachdem die Konsole raus ist (mit spitzen Fingern und einer FFP2-Maske, weil wähhh), wird ein folgenschwerer Entschluss gefasst. Das Ding muss gesäubert werden, sonst mag man nichts angreifen. Akuter Ekelalarm. Und wenn man ihn schon mal rauswischt und saugt, könnte man ja auch den Hochdruckreiniger auspacken und schauen, was der kann.

Oje, das war ein Fehler. Der Innenraum… Der ist ja richtig schön geworden. Da müssen Schonbezüge drauf gewesen sein. Ewig schade, eigentlich. Und so herrlich unverbastelt ist er auch. Bemerkenswert für 20 Jahre Alltagseinsatz. Selbst die Karosserie schaut mit Ausnahme der üblichen Stellen (Endspitzen, Längsträger vorne, Heckabschlussblech, Radläufe) noch sehr manierlich aus. So was Blödes. Schließlich sollte er zügig den Weg alles Irdischen gehen. Aber eigentlich ist er dafür doch fast zu schade. VW T3-Busse in dem Zustand kosten immer noch eine ordentliche Stange Geld und überhaupt werden regelmäßig zahlreiche Young- und Oldtimer restauriert, die deutlich schlechter sind als dieser Prairie.

Selbst akuter Ersatzteilmangel kann nicht als Ausrede herhalten. Denn wer weiß, wo er suchen oder wen er fragen muss, der findet auch für so ein Ding abseits der üblichen Klassikerpfade alles, was er braucht. Gut, er hat auch seine negativen Seiten. Der Motor etwa läuft nicht. Aber da bin ich dran, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen. Vielleicht wird er ja doch wieder. Wer weiß. Verdient hätte er es, der räudige Straßenköter.

Veröffentlicht von Lukas

Mit Herz und Hirn - immer hinterm Lenkrad und am Puls der Straße.

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