Das Leben ist nicht gerecht…

Dass das Leben nicht gerecht ist, wusste schon Oscar Wilde. Dass einem diese Tatsache selbst in der Altauto-Szene schonungslos vor Augen geführt wird, ahnte er aber sicherlich nicht.

Citypark Graz, Parkdeck A4. Alltagsklassiker Saturday Night Cruise, 4. Juli 2020. Ich bin mit der rollenden Hutschachtel vor Ort und das Echo ist wie immer enorm. Gleich bei der Ankunft bildet sich eine kleine Traube Interessierter. Zeit für die erste Führung durch den 1986er Nissan Prairie M10, das genialste Raumwunder der 80er Jahre. Im Laufe des Abends werden noch drei Führungen folgen. Kaum einer scheint sich an den Prairie erinnern zu können, niemand weiß um seine Partytricks und die genialen Detaillösungen verblüffen Generationen.

Szenenwechsel. Bruck an der Mur, Wirtschaftspark. Ich komme von einem Termin, marschiere raus zum Parkplatz. Mein Prairie wartet im Schatten unter zwei Bäumen. Daneben stehen zwei Herren mittleren Alters und unterhalten sich sichtbar angeregt über den skurrilen Würfel. Von mir angesprochen, entwickelt sich ein unterhaltsames Gespräch, eine Spontanführung folgt.

Zwei Tage später, Baumarkt-Parkplatz, Leoben. Ich parke ein und sperr den Prairie grad zu, als mich von hinten ein älterer Herr anspricht. Er und seine Frau – die Gitti – hätten das Auto sofort gesehen, weil sie alte Autos sowieso sehr gerne mögen würden. Nach Beantwortung der üblichen Fragen nach Baujahr, Kilometer- und Motorleistung ergibt sich die nächste Spontanführung.

So macht Altauto-Fahren Spaß.

Citypark Graz, Parkdeck A4. Alltagsklassiker Saturday Night Cruise, 1. August 2020. Ich bin natürlich wieder vor Ort. Diesmal mit einem 87er Mitsubishi Pajero 2.5TD Wagon. Ein Geländewagen im Ausnahmezustand. Nicht restauriert, größtenteils im Erstlack. Der Innenraum wie neu, das Blech auch. Rostfrei, ohne Winterbetrieb, penibelst gepflegt seit 33 Jahren. Ich scheue seit fast 8 Jahren keine Mühe, ihn jederzeit absolut makellos aussehen zu lassen. Und… gar nichts passiert. Wie immer. Bis plötzlich zwei junge Männer davor stehen, von denen einer abfällig „So eine Kiste holst dir auch nicht als Oldtimer, sondern nur, weil du ihn brauchst“ sagt. Dann ziehen sie weiter. Hmmm…

Eine gute Stunde vergeht, vom Pajero nimmt kaum jemand Notiz. Dann fällt mir ein junger Mann auf. Er steht davor und scheint zu überlegen. Ich gehe hin, gebe mich unbeteiligt und spreche ihn an. „Sind auch schon selten geworden, die Dinger…“ Er nickt, überlegt kurz und sagt dann „Ja, alle weggerostet. Aber weil es nur noch so wenige gibt, ist er uninteressant“, dreht sich weg und geht.

Den Pajero besitze ich seit 2013. In all den Jahren hat er immer ausgeschaut wie aus dem Schauraum. Und in all den Jahren hat mich niemand auf den Wagen angesprochen. Nicht an der Tankstelle, nicht am Parkplatz des Gesundheitszentrums, nicht beim Baumarkt. Und selbst in der Altauto-Szene scheint er alle kalt zu lassen.

So macht Altauto-Fahren keinen Spaß.

Ist das Suderei? Vielleicht sogar Lamentierertum?

Klar fährt man ein altes Auto primär für sich und nicht, um fremden Leuten zu gefallen. Aber es kommt schon Freude auf, wenn man merkt, dass sich auch andere Menschen für das besondere Vehikel interessieren, das man mit viel Zeit, Geld und Mühe am Leben erhält. Man teilt gern die eigene Faszination mit anderen. Das macht einem eine hässliche Hutschachtel mit ordentlich Patina offenbar deutlich leichter als ein Ausnahme-Schönling.

Hätte ich nicht gedacht…

Lukas

Veröffentlicht von Lukas

Mit Herz und Hirn - immer hinterm Lenkrad und am Puls der Straße.

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