Familientreffen im Innviertel

Manchmal führt kein Weg dran vorbei, Verwandte zu besuchen. Noch empfehlenswerter, wenn es sich um Verwandte des eigenen Autos handelt. Dann halten sich die Streitereien in Grenzen. Außer, der Verwandte ist nicht ganz ehrlich…

Aber gemach, soweit simma noch lange nicht. Alles startet vor einem guten Jahr mit einer Idee. Da taucht im Internet ein – zumindest auf den Fotos, wie wir jetzt wissen – sehr schöner Mazda 929L der zweiten Serie auf. Ein Freund von mir hat das exakt gleiche Modell in seiner Sammlung. Mein japanischer Franzose aus Belgien ist aus der gleichen Modellgeneration, nur erste Serie. Was würde da näher liegen, als den bisher unbekannten Bruder im Innviertel besuchen zu fahren?

Der 929L der zweiten Serie ist zumindest optisch ein ganz anderes Auto als mein französisches Ur-Modell. Aber in Sachen Fahrgefühl und Technik scheint sich kaum etwas getan zu haben. Bis auf ein strafferes Fahrwerk fühlt er sich an wie meiner. Wobei letzteres auch an den frischeren Stoßdämpfern von Brunos Exemplar liegen könnte. Auf den fünften Gang des Hardtop-Modells, den mein Sedan nicht hat, kann ich gut verzichten. Die 500 Umdrehungen weniger Drehzahl kompensiere ich im Viergang-Modell mit etwas geringerem Reisetempo.

Warum sind wir eigentlich noch einmal unterwegs? Egal, im Oldtimer ist der Weg das Ziel. Die Technik spüren, die Umgebung riechen, das Auto erleben. Unterhaltsame Gespräche über Gott und die Welt, über Autos und das Leben drumherum. Und dann, schneller als einem lieb ist, sind die 2 1/2 Stunden Anreise an den rahmenlosen Seitenscheiben vorübergezogen. Angekommen in einem kleinen Dorf an der deutschen Grenze, vor einer vielversprechenden Garage.

Und als die aufgeht… Fällt mir die Kinnlade gen Süden. Drinnen steht ein Auto, das mit dem inserierten Exemplar maximal die Farbe gemein hat. Auf den Fotos im Inserat schaut das Ding toll aus, der selbstbewusste Preis lässt auf ein einwandfreies, gut gepflegtes und sofort einsatzbereites Auto schließen. Und dann steht da ein eingestaubtes Häufchen Elend, das sich kaum starten, geschweige denn vernünftig fahren lässt. Letztes Pickerl bis 2010, letzter Ölwechsel 2007. Dass der Verkäufer sich gar nicht die Mühe macht, persönlich aufzutauchen und das korrigierte Angebot am Telefon immer noch deutlich zu hoch ist, wundert da schon nimmer. Dass die Fotos im Inserat auf Nachfrage dann plötzlich 17 Jahre alt sind, auch nicht.

Schade. Denn per se ist das Ding keine Leiche. Die Karosserie ist sehr ok, der Innenraum wunderschön. Nur 60.000km auf der Uhr, unverbastelt und original, offenbar kaum Salz gesehen. Leider ist die gesamte Technik überholungsbedürftig. Und bei der sehr angespannten Ersatzteillage dieses Modells kann das schnell zu einem großen Problem werden. Aber ein Gruppenfoto der beiden Brüder muss trotzdem sein.

Und so geht es etwas ernüchtert, aber um eine Erfahrung reicher, wieder gen Heimat. Dieses Mal mit mir hinterm Steuer. Danke dafür, Bruno!

Was vom Ausflug nach Anthiesenhofen bleibt? Die Erkenntnis, dass der Mazda 929L eine großartige Reiselimousine ist. Immer noch. Oder gerade heute. Die Gewissheit, dass man seine Autos fahren muss, denn beim Rumstehen erlebt man nichts. Und dass nicht jedes Angebot immer so gut sein muss, wie es vordergründig scheint.

L

Veröffentlicht von Lukas

Mit Herz und Hirn - immer hinterm Lenkrad und am Puls der Straße.

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