Wo die Liebe hinfällt

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich denn gerade an den Japanern der 80er Jahre einen Narren gefressen habe. Das seien doch stinklangweilige Hilfsmittel für den Personen-Transport von A nach B, so spannend wie eine Waschmaschine…

Aufgepasst, Burschen. Here´s why!

1. Die charmanten Details

Oh ja, die gibt´s wirklich. Etwa in Form zarter Chromleisten in den Fensterdichtungen rund um Windschutz- und Heckscheibe, an der Frontmaske, der Regenrinne oder am Heckdeckel. Die meist doppelten Blinker an der Front mit keckem Knubbel, um von schräg hinten besser sichtbar zu sein. Und die aufwendig und wertvoll gestalteten Schriftzüge und Embleme.

Im Innenraum überzeugt das weiche Velours auf Sitzen und Türverkleidungen, das im Zusammenspiel mit den dicken Bodenteppichen eine Gemütlichkeit erzeugt, die es im Golf II einfach nie gab… Die bernsteinfarbene Instrumentenbeleuchtung, die einem offenen Kamin in Sachen Behaglichkeit starke Konkurrenz macht. Die selbsterklärende Lüftungsbetätigung, nur echt mit lautem „Plopp“-Geräusch beim Umschalten auf Umluft – Serienmäßig! Und natürlich die grüne Digitaluhr. Obwohl alles Andere bernsteinfarben ist. Willkommen zuhause.

2. Der Fahreindruck

Technisch sind sie sehr ähnlich, die Brot-&Butter-Japaner der 80er-Jahre. In der Regel Frontantrieb mit McPherson, quer verbauter Reihenvierzylinder, Fünfgang-Getriebe. Das gab´s doch auch bei Opel, bei VW, bei Fiat, bei Renault usw. … Und doch erkennt man das japanische Gefährt mit verbundenen Augen – am Fahreindruck. Diese unvergleichlich sanften und exakten Schaltgetriebe, die sich butterweich schalten lassen. Die aufwendige Motor-/Getriebeaufhängung, die Vibrationen erstklassig dämpft. Die starke Servounterstützung der Lenkung, die eine Mühelosigkeit erzeugt, die ihresgleichen sucht. Dazu die spürbare Solidität der Verarbeitung. Die Lenkstockhebel rasten auch nach mehr als drei Jahrzehnten so exakt ein, als wäre es ein Jahreswagen.

3. Die Aura, die sie umgibt

„Langweilige Hilfsmittel für den Personentransport von A nach B, so spannend wie eine Waschmaschine.“ So werden Japaner der 80er seit jeher von den meisten Autofreaks wahrgenommen. Doch auch das macht sie sympathisch. Ihre Entwickler setzten damals alles daran, sie bei größtmöglicher Zuverlässigkeit so mühelos bedien- und benutzbar zu machen, wie möglich. Heute wird ihnen das als Charakterlosigkeit ausgelegt. Zu dieser unbedingten Dienstbarkeit kommt ihr zurückhaltend-bescheidenes Aussehen. Sie wirken im heutigen Straßenbild, das quer durch alle Fahrzeugklassen von aggressiven Fratzen geprägt ist, so filigran, verletzlich und damit sympathisch.

4. Ihre Marktstellung

Aufgrund ihrer Außenseiterrolle in der Autofreak-Gemeinde sprechen sie den Beschützer-Instinkt all jener an, die ein Herz für Underdogs und stille Gefährten haben. Selbst mindestens 30 Jahre nach ihrer Produktionseinstellung werden sie auch heute noch im Alltag, auf Spaß-Rallyes durch Osteuropa oder als Häuselbauer-Gurken hergerissen. Die Nachfrage nach den Autos ist gering, die Preise niedrig. Das mag ernsthafte Interessenten freuen – eine gute Sache ist das aber nicht. Denn „Was nichts kostet, ist nichts wert“. Und so werden sie selbst im Oldtimeralter noch verheizt, exportiert, weggeworfen. Und alles nur, weil sie bei größtmöglicher Zuverlässigkeit so mühelos bedien- und benutzbar sind. Aber das Thema hatten wir ja schon.

Natürlich treffen einige der genannten Punkte auch auf französisches, italienisches oder gar deutsches Altblech zu. Doch in der Kombination sorgen sie dafür, dass ich seit mittlerweile mehreren Jahrzehnten den Japanern der 80er verfallen bin. Und es ist kein Ende in Sicht…

Lukas

Veröffentlicht von Lukas

Mit Herz und Hirn - immer hinterm Lenkrad und am Puls der Straße.

Ein Kommentar zu “Wo die Liebe hinfällt

  1. Interessanterweise hatte die L-Serie im 85er/86er Modell ja auch eine „bernsteinfarbende“ Beleuchtung, bei der auch die Uhr passte.
    Sie hat eigentlich grün geleuchtet, bekam jedoch noch eine goldene Scheibe vor die Anzeige, sodass sie zum Rest passte..

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