Der Aufschrei war groß, das Unverständnis auch – Warum war ein unscheinbarer Pontiac Grand Am aus den späten 90er Jahren mein Highlight der Motornights im September? Ich erklär´s euch.
Auf einem Platz voll mit den großen Klassikern – vom BMW 502 über den Dodge Charger bis hin zum Porsche 911 – soll eine 90er Jahre Gurke aus Plastik das Highlight gewesen sein? Hier noch einmal, für das völlige Unverständnis…


Besonders hübsch ist er ja nicht. Auch nicht hochwertig, sportlich oder teuer. Aber er steht für das Ende einer Ära, die insbesondere in Österreich recht lang und verhältnismäßig groß war. Und doch heute völlig vergessen ist. Auch von der US-Car-Szene.
Wer heute US-Car-Szene hört oder auf eines ihrer Treffen geht, wird dort mit Muscle-Cars der 60er und 70er, mit riesigen PickUps und Sport-Coupes konfrontiert. Fast alle mit lauten Auspuffanlagen, breiten Rädern, ganz viel Chrom, stark tätowierten Fahrern und bollernden V8-Motoren.







Aber da gab es in Österreich in den 1980er und 1990er Jahren noch eine andere Ausprägung der US-Fahrkultur – Amerikanische Neuwagen von General Motors, die von der Firma Puhr in Wien importiert und gar nicht sooo schlecht verkauft wurden. Und das waren in dieser Zeit meist keine Corvette, sondern Chevrolet Corsica und Beretta, Buick Park Avenue und Regal, Pontiac Bonneville SSE, Pontiac Trans Sport und Co.. Chrysler hingegen kam über ÖAF Gräf & Stift als Importeur quasi offiziell nach Europa, Marktstart war Sommer 1988. Das war der Auto Revue sogar ein Feature wert.





Und die Auflistung aller in Österreich verkauften Amis des Jahres 1988 dürfte selbst so manchen US-Car-Szene-Insider überraschen:


Dieses Engagement von Chrysler und der Firma Puhr sorgte für nette Farbkleckse im langweiligen Straßenbild Österreichs. Auch noch Jahrzehnte später.














Nein, das sind keine Autos der klassischen US-Car-Szene, sondern größtenteils Alltagsfahrzeuge von Menschen, denen ein BMW zu schlecht ausgestattet, ein Mazda zu langweilig und ein Opel zu gewöhnlich war. Meist mit vier oder sechs Zylindern, mit Frontantrieb und im Originalzustand. Kettenlenkräder und Sidepipes sucht man vergebens, sind das doch Insignien einer Szene, der die Besitzer dieser Fahrzeuge nie angehört haben.
In fast jeder Auto Revue der späten 1980er und der gesamten 1990er Jahre waren sie sehr prominent platziert, die Werbesujets alias „Puhr-News“. So wussten Interessenten stets, was es bei Puhr in der Triesterstraße an „Direktionsfahrzeugen“ und „fabriksneuen Vorjahresmodellen“ zum „Sonderpreis“ gab.




So schließt sich der Kreis zum blauen Pontiac Grand Am. Der „H. Puhr“- Aufkleber ist noch drauf, der Wagen verkörpert den typischen europatauglichen Mainstream-Ami (die Deutschen würden ihn „Brot & Butter“ nennen), der damals über halbwegs offizielle Kanäle nach Österreich gekommen ist. Und der von der US-Car-Szene ignoriert oder maximal als Winterauto zu Tode geritten wird. Weil er ja kein „echter“ Ami ist. Sprich keinen V8 unter der Haube hat, über keinen Hinterradantrieb verfügt und nicht sofort „Ich kompensiere mangelnde Größe!“ schreit, wenn man ihn sieht. Quasi der legitime Nachfolger des Chevrolet Corsica.


Warum mir gerade das Image dieser „Radwood-Ära“-Amis taugt?
Weil es mich an unsere Japan-Oldies (mit gut 2300 Mitgliedern) erinnert. Wer an die Japaner-Szene denkt, denkt an JDM. An getunte Skylines und Drift-Silvias, an Supras mit massiv Leistung und Civics mit Unterbodenbeleuchtung. Und die originalen Bluebirds & Cressidas, die 626 & Legacys, die Carinas & Charmants? Die gehören zur JDM-Szene nicht dazu, finden aber ihre Heimat bei den Japan-Oldies.
Genau so geht es auch den Skylarks, den Aleros, den Grand Ams oder den Cutlass Cieras. Die klassische US-Car-Szene würdigt sie keines Blickes, da zählt anderes. Wird Zeit, dass sich für diese Amis eine eigene Szene formiert. Nehmt euch die Japan-Oldies als Beispiel.














Denn gerade in einer Zeit, in der alles einheitlicher und uniformer wird, ist es wichtig, diesen Teil des damaligen Straßenbildes zu bewahren. Auch wenn kein massiver V8 bollert und die Reifen nicht bei jedem Losfahren quietschen.
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